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KW 45Die Woche, in der wir „Jetzt erst recht“ sagen

Die 45. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 21 neue Texte mit insgesamt 124.531 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Markus Reuter

Liebe Leser:innen

als Menschen, die für Grund- und Menschenrechte einstehen, haben wir es gerade nicht leicht. Und ich schreibe wir, weil ich vermute, dass ihr auch zu denen gehört, die den Menschen und seine Rechte in den Mittelpunkt eures politischen Handelns stellen. Zu denen, die mit Unermüdlichkeit und langem Atem Menschenrechte einfordern. Zu denen, die immer dazwischenrufen, wenn diese Rechte in Gefahr sind. Ob nun im Internet oder anderswo.

Drei Freund:innen von mir sind Seenotretter. Seit Jahren kämpfen sie unermüdlich und unter dem Einsatz persönlicher Freizeit und Entbehrungen um Menschenleben im Mittelmeer. Ich habe großen Respekt vor ihrer Arbeit und gestern schreibt mir einer von ihnen: „Ich stehe jetzt mit einem Bein im Knast“.

Hintergrund ist das neue Aufenthaltsgesetz der Ampel, das Seenotrettung strafbar machen könnte. In der moralisch-entgrenzten Migrationsdebatte geraten immer mehr demokratische und humanitäre Selbstverständlichkeiten und zunehmend auch Grundrechte unter die Räder. Da müssen wir gegenhalten.

Als „Bad News Agency“, so nannte ein anderer Freund einmal spöttisch netzpolitik.org, sind wir den Umgang mit schlechten Nachrichten, Bedrohungsszenarien, Repressionen und langwierigen Abwehrkämpfen gewohnt. So wie auch ihr, die Leser:innen. Diese Woche haben wir etwa berichtet, welche Schlupflöcher die neuen EU-Regeln für politische Werbung offenlassen, welche neuen Probleme mit der europäischen, digitalen Identität drohen oder wie in den USA private Kameras von der Polizei genutzt werden.

Solche Nachrichten gehören nun einmal zum Los derer, die gegen Überwachung, für Freiheiten aller Art und für eine lebenswerte, digitale und analoge Zukunft einstehen. Aber wir dürfen uns von schweren, stürmischen Zeiten nicht einschüchtern lassen. Nicht den Kopf hängen lassen und auch nicht entmutigt in einen Rechtsruck-Biedermeier verfallen. Deswegen: Jetzt erst recht! Denn es ist wichtiger denn je gerade in diesen Zeiten für Menschenrechte einzutreten.

Ich wünsche Euch ein mutvolles und optimistisches Wochenende

Markus Reuter

Unsere Artikel der Woche

Adieu, Stefanie!Wir sagen Danke

Stefanie Talaska verlässt das Team von netzpolitik.org und wir sagen Danke. Für uns war sie vieles zur gleichen Zeit: Geschäftsführerin, Fundraiserin, Organisatorin, Kommunikatorin. Ohne sie wären wir heute nicht da, wo wir jetzt sind.

MobilitätsdatengesetzMit Datenoffenheit zur Verkehrswende

Das Mobilitätsdatengesetz der Bundesregierung soll die Verkehrswende vorantreiben – hin zu mehr Vernetzung und Nachhaltigkeit. Damit das Gesetz das volle Potenzial von Mobilitätsdaten jedoch freisetzen kann, muss es Daten noch zugänglicher machen als im vorliegenden Eckpunktepapier geplant.

Transparenzbericht August 2023Unsere Einnahmen und Ausgaben und kein Sommerloch

Im Sommer dreht sich die politische Welt etwas langsamer – hofften wir zumindest. Doch stattdessen blieb das ersehnte Sommerloch aus. Dafür waren eure Spenden für die warmen Monate außergewöhnlich hoch, was uns sehr freut.

BND und Verfassungsschutz„Notdürftige Reparatur“ und nicht verfassungskonform

Eigentlich muss der Gesetzgeber bis zum Jahresende neue Regelungen für die Geheimdienste hinbekommen. Aber in der heutigen Anhörung von Experten im Bundestag wurde deutlich: Die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts wurden bislang nicht ausreichend beachtet. Die Gesetzentwürfe seien zudem schwer verständlich, es mangele an Normenklarheit.

Online-WahlwerbungWie die EU Wahlen vor Manipulation schützen will

Parlament und Rat haben sich auf neue Regeln für politische Online-Werbung geeinigt: Sie muss gekennzeichnet werden und zeigen, wer sie finanziert hat. Außerdem soll es eine europäische Datenbank für Forscher:innen geben. Aber kommt das alles noch rechtzeitig für die Europawahlen 2024?

Geheime ListeWie der Sicherheitsapparat die Chatkontrolle prägt

Eine bisher von der EU-Kommission geheim gehaltene Liste, die wir veröffentlichen, zeigt, wie Geheimdienstvertreter:innen und Polizeien verschiedener Länder frühzeitig in die Chatkontrolle-Verordnung eingebunden waren. Eine große Rolle spielte auch die Start-up-ähnliche Organisation Thorn.

UrheberrechtMusikindustrie gewinnt gegen Cloudflare

Die Content-Industrie geht in letzter Zeit vermehrt gegen grundlegende Infrastrukturen und Dienste des Internets vor, um das Urheberrecht durchzusetzen. In einem Urteil des Oberlandesgerichts Köln hat es nun Cloudflare getroffen. Das Unternehmen wird für die Bereitstellung eines Content Delivery Networks als Täter in Haftung genommen.

Verfassungsbeschwerde zum AusländerzentralregisterAsylbescheide auf dem Präsentierteller

Dürfen sensible Daten von Geflüchteten in einem zentralen Register gespeichert werden, auf das auch Polizei und Geheimdienste Zugriff haben? Mit dieser Frage muss sich jetzt das Bundesverfassungsgericht beschäftigen. Elf Geflüchtete legen mit der Unterstützung von mehreren Organisationen Beschwerde ein.

Browserspiel "Trust & Safety Tycoon"Wie es sich anfühlt, Boss der Content Moderation zu sein

Wie funktioniert eigentlich Inhaltsmoderation auf einer großen Social-Media-Plattform und warum entstehen dabei immer wieder Skandale? Ein kurzweiliges Spiel gibt einen Einblick in die harten Entscheidungen hinter den Kulissen – und macht dabei auch noch Spaß.

EU-Regeln für politische Online-WerbungDiese Schlupflöcher lauern

Politische Werbung im Netz wird transparenter, das ist gut. Besser wäre es, die EU hätte mit ihrer Verordnung auch bei zielgerichteten Anzeigen deutlichere Grenzen gezogen. So bleibt es weiter an der kritischen Öffentlichkeit, Manipulation und Desinformation aufzudecken. Eine Analyse.

Digital Services ActDeutsche Umsetzung kommt nicht vom Fleck

Während der Digital Services Act der EU schrittweise in Kraft tritt, hinkt die Bundesregierung hinterher. Eigentlich muss die Ampel bis Mitte Februar liefern, doch wichtige Fragen sind ungeklärt. Damit droht ein Herzstück der Plattformregulierung auf der Strecke zu bleiben: Die effektive Aufsicht.

"Verfassungswidrig"Datenschutzbeauftragte kritisiert Berliner Bodycam-Pläne

Die große Koalition in Berlin will, dass Beamte und Rettungskräfte zukünftig mit ihren Bodycams auch in Privatwohnungen filmen dürfen. Die Datenschutzbeauftragte hält die Pläne für verfassungswidrig und bemängelt auch handwerkliche Fehler im Gesetzentwurf.

eIDAS-ReformDigitale Brieftasche mit Ausspähgarantie

Jetzt steht es fest: Die europäische digitale Brieftasche kommt. Aus Sicht von Beobachtern bringt der im Trilog erzielte Kompromiss etliche Verbesserungen im Vergleich zum ursprünglichen Kommissionsentwurf. Bürgerrechtsgruppen und Datenschützer:innen warnen jedoch davor, dass Staaten durch die Wallet eine „panoptische Vogelperspektive“ erhielten.

Digital Networks ActGegenwind für Thierry Breton

Der EU-Binnenmarktkommissar will die DNA der europäischen Telekommunikationsmärkte überschreiben. Davor warnen nun erste Verbände: Ein konsolidierter Markt würde vielleicht ein paar „glückliche europäische Champions“ schaffen, allen anderen aber schaden.

LobbyControl GutachtenNeues Kartellrecht erlaubt Zerschlagung von Amazon

Ein Gutachten hält eine Entflechtung des Handelskonzerns für möglich und rechtlich geboten. Grund ist die jüngste Änderung des deutschen Kartellrechts. Doch dass das Bundeskartellamt zu diesem Mittel greift, ist unwahrscheinlich.

FrankreichNGOs klagen gegen EU-Verordnung zu Terror im Internet

Die EU hat vor zwei Jahren eine Verordnung gegen terroristische Online-Inhalte beschlossen. Diese steht seit Anfang an in der Kritik, weil auch unproblematische Inhalte ins Visier geraten könnten – und so die Meinungsfreiheit bedroht ist. Deswegen klagen nun sechs Organisationen gegen das Gesetz.

EuGH-UrteilNationale Plattformregeln widersprechen EU-Recht

Drei große Internetkonzerne hatten gegen Österreich geklagt, der Europäische Gerichtshof gibt ihnen Recht. Doch das Urteil ist eine generell Absage an nationale Plattformregeln – und betrifft so auch das deutsche Netzwerkdurchsetzungsgesetz.

Über die Autor:innen

  • Markus Reuter

    Markus Reuter recherchiert und schreibt zu Digitalpolitik, Desinformation, Zensur und Moderation sowie Überwachungstechnologien. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit der Polizei, Grund- und Bürgerrechten sowie Protesten und sozialen Bewegungen. Für eine Recherchereihe zur Polizei auf Twitter erhielt er 2018 den Preis des Bayerischen Journalistenverbandes, für eine TikTok-Recherche 2020 den Journalismuspreis Informatik. Bei netzpolitik.org seit März 2016 als Redakteur dabei. Er ist erreichbar unter markus.reuter | ett | netzpolitik.org, sowie auf Mastodon und Bluesky.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP)


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Ein Kommentar zu „Die Woche, in der wir „Jetzt erst recht“ sagen“


  1. Seenotretter und Menschenrechte
    Also da möchte ich zwei Gedanken beitragen: Eigentlich geht es den normalen Leuten nicht um Flüchtlinge sondern um soziale Sicherheit. Die entfällt aber weitgehend. Also wird die Politik nicht müde, gegen Flüchtlinge zu hetzen, um von privatisierung, gewinnmaximierung und kriegshetze abzulenken. Waffen bringen einfach mehr Geld.
    Das zweite sind die vielen konservativen, rechtskonservativen und faschistischen ideologien, die mit reisen. Antisemitismus ist die Schmiere, die die Klassengesellschaften im Nahen und Mittleren Osten zusammenhalten. Es ist einfacher, Juden zu morden und zu plündern, als gegen Korruption und Vetternwirtschaft vorzugehen. Verbote wie das von Samidoun sind gut aber sie reichen einfach nicht. Am besten müssen alle verboten werden und das schmerzt, denn nahezu alle Parteien haben selbst viele Kontakte zu Iran und den Hizbollah- und sind antisemitisch.
    Was zudem fehlt, ist Bildung und eine Auseinandersetzung mit islamischen und arabischen ideologien, Geschichte und Konflikten. Und natürlich auch mit afrikanischer geschichte- und mit imperialen machtinteressen.
    Und das alles ist wichtig, denn Deutschland und Europa braucht Einwanderung und zwar massenhaft Einwanderung. Am besten eine Million im jahr, dann sollten wir zurechtkommen.
    Ich wünsche mir Kollegen aus Senegal und Kongo, mit denen ich über das 20. Jahrhundert parlieren kann.

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